DORF - Freitag, 13. Oktober 2006

Bin mir nicht sicher, bin mir gar nicht sicher, worüber man schreiben soll an einem Ort wie diesem. Einen Monat lang seid ihr hier? Der Mann, der in der Nacht die Technik für den Musical-Superstar-Contest im Einkaufszentrum aufbaut, wird am nächsten Tag zu einem neuen Job nach Berlin fahren, drei Tagen später nach Köln, danach nach Konstanz. Immer in Bewegung, so ist das als Selbstständiger. Er wohnt im Hotel, und er lacht über diesen überdachten Dorfplatz und das Dorf drum herum. Ich geh mir noch 'ne Bulette einfahren, sagt er zum Abschied, und ich stehe wieder alleine.

FLORIAN THALHOFER



RAUMERFORDERNISSE - Freitag, 13. Oktober 2006

Frank Lloyd Wright hatte es bereits vorausgesehen. In seinen Betrachtungen zur broadacre city sah der amerikanische Architekt 1945 die unvorstellbaren Raumerfordernisse vorher, mit denen die Stadtplaner der Zukunft angesichts der wachsenden Zahl von Automobilen konfrontiert sein würden. Also mahnte er großzügige Parkplätze an, größere, als gegenwärtig angelegt werden könnten, und als das Roland-Center 26 Jahre später im Süden von Bremen eröffnet wurde, verlosten die Betreiber unter den ersten Besuchern dann auch einen nagelneuen VW Käfer und schufen gleichzeitig Abstellmöglichkeiten für mehr als 2000 Kleinwagen. Das Center ist seitdem gewachsen, aber 17000 dieser kostenlosen Parkplätze gibt es auch heute noch. Auf einem davon, gleich neben der Anlieferung 3, steht unser Wohnwagen. Er ist fünf Meter lang und zwei Meter breit, und ist damit immer noch ein ganzes Stück kleiner als der unterdimensionierte Mister Minit am Nordeingang, der es immerhin auf 18 Quadratmeter Ladenfläche bringt und deren Angestellte uns unter anderem mit einem Zweitschlüssel für die Tür des Wohnwagens behilflich waren. Aufmerksamkeit erregen wir kaum. Wohnwagen und vor allem aber Wohnmobile gehören seit längerem zum äußeren Erscheinungsbild von Einkaufszentren. Vermutlich halten uns die übrigen Besucher und die Angestellten für Intensiv-Shopper, die für ein paar Tage Station in Bremen machen, um dann zu einem der nächsten Einkaufszentren weiter zu ziehen. Es ist ein verführerischer Gedanke. Morgens, wenn wir von den sanft brummenden Kühlaggregaten der LKWs geweckt werden, die McDonalds, penny und real mit frischen Waren beliefern, spiegelt sich die aufgehende Sonne in der getönten Fensterfront des Dänischen Bettenhauses auf der anderen Seite des Parkplatzes, und für einen kurzen Moment scheint das der perfekte Anfang für einen Tag zu sein.

KOLJA MENSING



BUMMELN GEHEN - Samstag, 14. Oktober 2006

Dieter sitzt mit seiner Frau am Nebentisch im Café und schaut interessiert auf meine Videokamera. Quanta costa, wenn man fragen darf? So kommen wir ins Gespräch.

Dieter und Annelie sind Anfang sechzig. Früher waren sie häufiger im Center. Damals gab es schönere Geschäfte, sagt Annelie. Mehr Kunstgewerbe. Das hat sich natürlich auch auf die Kundschaft ausgewirkt. Jetzt sind hier eher Leute, die... - sie sucht nach den richtigen Worten - ...Leute mit weniger Geld. Huchting war einmal ein klassischer Arbeiterbezirk, sagt sie, doch jetzt gibt es eine Menge Probleme, insbesondere in der Siedlung mit den Wohnblocks. Dieter zeigt die Richtung an, quer über die Ladenstraße, an der Apotheke vorbei, zum Südausgang. Amsterdamer Straße, Rotterdamer Straße, dort lebt ein Dutzend Nationalitäten unter einem Dach. - Dieses Multitkulti funktioniert nicht, sagt Annelie. Dieter fährt fort: Ich weiß nicht, ob der Staat nicht zuviel macht. Die meisten wollen ja gar nicht arbeiten.

Dieter hat bis zur Rente in einer Großhandlung für Malerbedarf angestellt, Annelie war Team-Assistentin bei Siemens: Das, was früher Sekretärin hieß. Die erste Zeit nach der Rente war natürlich schwierig, aber jetzt gefällt es ihnen. Wir machen Ausflüge, gehen Bummeln, der Tag ist viel zu kurz. Eine Videokamera haben sie übrigens auch, sie haben sie sich vor zwanzig Jahren für den Urlaub gekauft. Die war viel zu schwer, um sie mitzunehmen. Allein die Batterien.

Die beiden erkundigen sich nach meiner Arbeit, und als sie hören, dass Florian und ich einen Film über das Center drehen, erzählen sie vom Antikmarkt, der jeden letzten Sonntag im Center stattfindet. Da müssen Sie unbedingt hingehen, sagt Dieter. Unter den Sammler sind die verrücktesten Typen. Er selbst sammelt auch, Porzellanausgießer, die man früher oben auf Schnapsflaschen setzte: Schnapsnasen nennt man die. Zwanzig Stück hat er schon.

Zum Abschied geben wir uns die Hand.

KOLJA MENSING



KOLJA KOCHT - Samstag, 14. Oktober 2006

Kolja kocht. Kolja kocht Kamillentee. Eine Wohltat. Es ist kalt im Wohnwagen auf dem Parkplatz vor dem Einkaufszentrum am Rande des Universums. Nachts, wenn sich der Nebel auf die Fahrbahnmarkierungen legt und in die Parkplatzbuchten. Die Frau in der Baguetterie gegenüber vom Center, die Baguetterie hat noch offen, ein kleines Baguette kostet 3 Euro 50, ein großes 5,50, das Große so groß, dass eine kleine Beduinenfamilie davon satt werden könnte, die Frau hat dunkle Ränder unter den wachen Augen, sie scherzt mit einem hübschen, arabisch aussehenden Gast. Ich gehe zurück, mit einem Spinat-Baguette und zwei Becks. Kolja trinkt gerne Becks, und sonst gibt es eh nichts. Zurück zum Wohnwagen, durch den Nebel. Der Abend von Tag 2.

FLORIAN THALHOFER



POLAROID – Sonntag, 15. Oktober 2006

Samstagmorgen, kurz nach halb neun. Ich kaufe im real fürs Wochenende ein und mache dabei ein paar Fotos mit meiner Polaroid. Als ich meinen Einkaufswagen an dem langen Regal mit den Getränken vorbeischiebe, versperrt mir ein Mann den Weg.
Grauer Schnurrbart, Jeansjacke und schmale Brille.
Security, stellt er sich vor. Sie dürfen hier nicht fotografieren.
Die Drehgenehmigung, die wir für das Center haben, gilt offenbar nicht für den real.

Das ist eine Sicherheitsfrage. Vielleicht fotografieren Sie den Eingang und die Notausgänge um zu sehen, wie man nachts am besten in den Laden hereinkommt. Das wäre dann Vorbereitung von Kriminalität.
Er lächelt: Ich will Ihnen natürlich nichts unterstellen.
Und jetzt?
Entweder verlassen Sie den Laden, oder Sie geben mir die Kamera und holen Sie später an der Information ab.
Ich sage ihm, dass ich ihm die Kamera auf keinen Fall geben werde, aber auch nicht gehen kann: Ich muss noch einkaufen.
Einverstanden, dann begleite ich Sie.

Er folgt mir in die Drogerieabteilung. Wir suchen gemeinsam Duschgel, Papiertaschentücher und Geschirrspülmittel aus und unterhalten uns. Richter und Hausfrauen, Rentner und Teenager, er hat sie alle schon erwischt.
Beim Stehlen?
Ich nenne es lieber Entwenden.
Die meisten Ladendiebe trifft er später im Center wieder.
Ich komme eigentlich gut mit ihnen aus.

Ich erzähle ihm, dass ich als Kind Detektiv werden wollte, und wir verabreden uns für einen der nächsten Tage zum Kaffee. Auf seiner Visitenkarte steht unter seinem Namen: Privat-Ermittler seit 1974.
Er verabschiedet sich: Wir sind dann klar.

Ich bin ein wenig stolz. Ich bin mir sicher, dass wir gut miteinander auskommen werden.

KOLJA MENSING



EINGANGSGSFRAGE – Sonntag, 15. Oktober 2006

Bitte auf das Bild klicken, um den Film anzusehen...



SONNTAG – Sonntag, 15. Oktober 2006

Automarkt vorm Roland-Center. Der ganze Platz voller Männer. Sie stehen in Gruppen, Motorhauben werden auf- und wieder zugemacht. Dunkelhäutige Herren in Anzügen, junge Männer in weißen Lederschuhen. Es ist eine merkwürdig ernste und konzentrierte Stimmung. Frauen, nur wenige, Deutsche selten. Ich verliebe mich in einen blitzblank geputzten, dunkelgrauen Mercedes Kombi. 3.600 € steht auf dem Schild, für 3.300 € kann ich ihn haben. Der hat nur eine Roststelle, sagt sein Verkäufer, ein älterer Deutscher und zeigt mit dem Finger auf eine winzige, schwarze Beule am Rahmen vom linken Rückfenster. Wenn ich noch irgendwo Rost finde, könne ich den Wagen umsonst haben.

Ich stelle meine Videokamera auf den Boden und filme das Geschehen aus der Entfernung. Drei Minuten später steht ein 40-jähriger Mann vor mir, einer der wenigen Deutschen, hinter ihm eine ganze Gruppe von Männern. Er ist der Chef auf dem Platz, und er will nicht, dass ich mit meiner Filmerei den Leuten hier auf die Nerven gehe. Seit den 70ern mietet seine Firma den Parkplatz, er winkt zuerst in die eine, dann in die andere Richtung: Von da nach da. Am Sonntag hat er hier Hausrecht.

Wir werden Freunde, als er mein Motorrad mit Berliner Kennzeichen sieht. Er ist eigentlich auch Berliner. Jetzt hat es ihn nach Bremen verschlagen, dabei wollte er eigentlich lieber nach Bayern, zum Stanberger See, einen Gebrauchtwagenmarkt aufmachen. Aber es ist schwierig mit den Leuten in Bayern. Da ist und bleibt man halt immer der Preuße. Wo ich eigentlich her bin, will er wissen. Aus Bayern.
Aber warum sind Sie dann weg? fragt er mich. Naja, sag ich bloß, sonst nichts.

Den Deutschen könne man trauen, manchen Türken auch, denen würde ein Auto abkaufen, aber den anderen... nicht mal ein Lenkrad. Die lieben das Handeln und Feilschen, sagt er und rudert mit den Armen, wenn ich nicht aufpasse, verkaufen die hier alles. Gesalzene und ungesalzenen Pistazien in 10 kg Beuteln, Lederjacken, Handys. Mit allem möglichen haben sie es schon probiert, und alle hat er sie rausgeschmissen. Hier ist ein Automarkt!

FLORIAN THALHOFER



HÖLLE – Montag, 16. Oktober 2006

Ich bin im Jahre 1971 geboren, das Roland-Center wurde 1972 gebaut und eröffnet. Wir sind also gleich alt, das Center und ich. Eigentlich müssten wir uns auf Anhieb gut verstehen.

So einfach ist es allerdings nicht. Das Einkaufszentrum gehört in eine andere Welt als die, in der ich aufgewachsen bin. In meiner Welt, in der Welt meiner Eltern und meiner Lehrer galt jede Art von Konsum, die über die einfachen Grundbedürfnisse des Menschen hinausging, als leicht anrüchig und die Orte, an denen er stattfand, als verdächtig. Ich konnte mich mit Einkaufszentren darum nie wirklich anfreunden, und fühle mich bis heute immer leicht unwohl, wenn ich durch die Drehtür auf eine der klimatisierten Ladenstraße trete.

Ich bin offenbar nicht der einzige, dem es so geht. In den letzten dreißig Jahren sind zahlreiche soziologische Untersuchungen und kulturkritische Analysen zum Phänomen des Einkaufszentrums erschienen, und die Liste der Verdachtsmomente, wird immer länger. Einkaufszentren zerstören die historische gewachsenen Innenstädte, heißt es, sie überwachen ihre Besuchern mit Videokameras und privaten Sicherheitsdiensten, sie betäuben sie mit seichter Musik und setzen sie der ungesunden Luft der Klimaanlagen aus, und zuletzt entlassen sie als entfremdete Individuen in einen Alltag, der vollständig zur Ware geworden ist.

Einkaufszentren sind die Hölle, soviel ist schon einmal klar.

Ich bin nur erstaunt, wie gut es mir im Moment in dieser Hölle gefällt.

KOLJA MENSING



TIPPGEMEINSCHAFT - Montag, 16. Oktober 2006

Wir kommen beim Frühstück in Steineckes Heidebrot Backstube ins Gespräch. Er hat die Bild-Zeitung vor sich auf dem Tisch ausgebreitet und kommentiert den Boxkampf vom Wochenende.
Wundert mich, dass der Beyer überhaupt die ersten beiden Runden überlebt hat.

Er legt die Zeitung zur Seite und fängt an zu erzählen. 43 Jahre lang hat er in der Stahlindustrie gearbeitet, zuletzt als Abteilungsleiter in einem Werk in Bremen. Anfang der Neunziger hatte er noch 223 Mitarbeiter in seiner Abteilung, Ende der Neunziger waren nur noch 28 von ihnen übrig.
Da wusste ich, dass es Zeit für mich war.
Also ist er in Altersteilzeit gegangen und mit 63 in Rente. Am letzten Tag hat er seinen Aktenkoffer auf dem Weg nach Hause in einen Müllcontainer geworfen, in der Firma ist er nie wieder gewesen
Gibt ja welche, die da alle zwei Tage noch hinrennen.
An der Tippgemeinschaft der alten Kollegen nimmt er trotzdem noch teil, er tippt jedes Mal aus Prinzip gegen Schalke und Bayern.
Hat mich gerade erst wieder eine Menge Punkte gekostet.

Er hat eine Dauerkarte für Werder, aber wenn Bayern am nächsten Wochenende in Bremen verliert, wird er nicht dabei sein, weil er in die Kur.
An die Mosel. Die von der Kasse wollten mich nach Bad Bramsche schicken. Ich haben denen gesagt, in Bad Bramsche war ich schon, ihr seid wohl verrückt, ich will an die Mosel, ansonsten gehe ich bis zum Bundesverwaltungsgericht.

Ein Bekannter von ihm tritt an den Tisch, und er verliert sofort das Interesse an mir.
Alles klar?
Der andere winkt ab.
War gerade beim Arzt. Der Blutdruck ist viel zu hoch, 180 zu 120.
Falsch eingestellt.
Ich nehme ja gar keine Tabletten.

Der Bekannte, er ist ein paar Jahre jünger, tastet seine Taschen ab.
Tabak im Auto liegen gelassen.
Er hält ihm eine Schachtel Marlboro hin.
Schleimhautproben haben sie auch weggeschickt, sagt der Bekannte. Sieht nicht gut aus.
Na, ja.
Krebs.
Ja, na, ja.
Der Bekannte legt seine Hand flach auf den Tisch und spreizt Zeigefinger und Mittelfinger.
Der Arzt hat mir das so erklärt. Es wie eine Gabelung. Die Chancen stehen fünfzig zu fünfzig...
Er unterbricht ihn: Mich wollten sie auch gerade erst wieder operieren. Das wäre dann schon der dritte Titanwirbel.
„Ich bin ja erst 53. Ich kann ja jetzt noch nicht in Rente gehen.

Mein Handy klingelt. Ich drehe mich zur Seite. Als ich zu Ende telefoniert habe, ist der Tisch neben mir in Steineckes Heidebrot Backstube leer. Zwei halbe Brötchen und eine Tasse kosten hier 2,30 Euro.

KOLJA MENSING



30 CENT - Dienstag, 17. Oktober 2006

Ein Schild empfiehlt den Kunden des Centers, für den Besuch der Toilette 30 Cent entrichten.
Zahlt natürlich nicht jeder, sagt Helmut, der vor den Toilettenräumen an einem Tisch sitzt, neben sich einen Teller mit Kleingeld und eine Schachtel Pall Mall Soft.
Soft?
Wegen dem Husten.

Helmut ist Anfang siebzig und hat es eigentlich nicht nötig, noch zu arbeiten. Er war sein Leben lang bei Haake Beck in der Abfüllung, und als er 1998 in Rente gegangen ist, hat er neben einer goldenen Anstecknadel auch eine Abfindung von zehntausend – er zögert kurz - deutschem Geld bekommen.

Anstatt den Tag zu Hause zu verbringen, kommt er morgens gegen halb neun ins Center, frühstückt im so genannten Sozialraum und hilft dann bei den Toiletten aus. Jeder Kunden wird begrüßt, aber nur, wer Kleingeld auf den Teller wirft, wird auch verabschiedet.
Schönen Tag dann noch.

Eine Verkäuferin kommt vorbei, und Helmut erzählt ihr, dass er am Samstag einen Tagesausflug nach Berlin unternimmt.
Alleine?
NGG.
Das ist die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten.
Morgens um sechs geht es los, abends sind wir um zehn wieder hier.

Wir unterhalten uns über Biersorten. Helmut hat sein Leben lang Haake Beck getrunken, kann aber auch Hemelinger empfehlen, das leicht süßliche Bier einer Privatbrauerei, die in den Achtzigern von seiner Firma aufgekauft worden ist. Helmut hört schlecht, die Unterhaltung ist mühsam. Ich mache einige Fotos von ihm. Er lässt sie sich anschließend auf dem Display der Kamera zeigen.
Ist in Ordnung.

Später erfahre ich, dass die Angestellten der Geschäfte die öffentlich zugängigen Toiletten des Centers nicht benutzen dürfen. Für sie gibt es Personal-WCs auf den Gängen hinter den Läden.

Außerdem, das wusste ich auch nicht, gibt es noch eine weitere Toilette im Erdgeschoss, die nur mithilfe von extra ausgegeben Metallchips besucht werden kann. Jeder Kunde, der im Center an einem der Stände im Schlemmermarkt etwas verzehrt, hat Anrecht auf so einen Chip.

Kein Witz.

KOLJA MENSING



NORMALZUSTAND – Mittwoch, 18. Oktober 2006

Es ist komplizierter, als ich gedacht habe.

Natürlich ist das Center eine künstliche Welt, ein am Reißbrett entworfenes Einkaufsparadies mit einem lückenlosen Unterhaltungsprogramm. Im Einkaufszentrum soll Shopping zum Event werden, und nicht umsonst ist der fast zwei Jahre im voraus erstellte Veranstaltungskalender das wichtigste Werkzeug der Center Managerin.

Zwischen der Ausstellung Wissenswelten und der Delikatessa, zwischen dem Erstellen von Steinbildern mit verschiedenen Gestaltungsmöglichkeiten und der Einführung in das Arbeiten mit Neu: Artgel und Acrylfarben und zahllosen anderen Aktionen auf der Ladenstraße bleiben kaum Tage, an denen man einfach nur einkaufen könnte. Auf den ersten Blick wird im Center also anscheinend eine Art permanenter Ausnahmezustand geschaffen, ein glamouröses Dauerspektakel, das die trügerische Illusion einer Alternative zur grauen Wirklichkeit vermitteln soll.

Nach der ersten Woche im Center, insbesondere nach der auf drei Tage angelegten Herbstmodenschau auf dem Center-Laufsteg, sieht das allerdings ganz anders aus. Die Models – die von September bis Oktober in Begleitung eines Choreografen durch die Einkaufszentren in Deutschland touren – tragen ausschließlich Mode, die in den Geschäften rund um die Bühne auch gekauft werden kann: adrette Rollkragenpullover von Buddelei, unauffällige Mäntel von Peek & Cloppenburg und Strickjacken mit Bömmelchen von Jeans Fritz. Die Brillengestelle sind bezahlbar und kommen von Apollo Optik, und bei der ziemlich gut besuchten Schau mit Dessous um 16 Uhr gibt es dann nachtblaue Seidenpyjamas zu sehen und dezente Wäsche von Hunkemöller: drei Bhs zum Preis von zweien.

Ich habe das Gefühl, dass das Center nicht von Events lebt, sondern eher ein Anti-Event ist. Es inszeniert sich als Bühne des Alltäglichen und Normalen, und vielleicht ja liegt gerade darin sein Erfolgsgeheimnis. Hier sieht man nicht das, was sein könnte, sondern das, was sowieso schon ist.

Selbst der ältere Herr, der sich am Tag nach den Modeschauen mit leicht zitternder Stimme und einem hoffnungsvollem Glitzern in den Augen beim Center Management nach einer Videoaufnahme der wirklich eindrucksvollen tänzerischen Darbietungen der jungen Damen erkundigt, kommt hier noch zu seinem Recht. Er erhält keinen Mitschnitt, aber alle sind nett zu ihm.

Solche Anfragen, heißt es, gibt es immer wieder.

KOLJA MENSING



ZUSAMMENGERATEN – Mittwoch, 18. Oktober 2006

Bitte auf das Bild klicken, um den Film anzusehen...



KLANGBILD – Mittwoch, 18. Oktober 2006

Es ist so schön ruhig hier. Keine Motoren, keine Musik. Ab und zu ein Plätschern vom Goldfisch-Brunnen, wenn die Fontäne Wasser spuckt. Gedämpfte Stimmen, Einkaufswagen klappern leise. Schritte auf Marmorboden, aus dem Café das Klirren von Geschirr. Dazwischen eine helle Kinderstimme Mama, Mama oder ein paar Wortfetzen nee, nee, ja, naja. Eine beruhigende Klangkulisse, ich denke an Sommertage im Freibad, als ich noch ein Kind war. Ich habe dem Rauschen der Bäume gelauscht und den Ameisen zugesehen, die sich durchs Gras kämpften. Als ich noch nicht an Mädchen gedacht habe, als ich noch nicht an das gedacht habe, was ich morgen machen würde. Oder übermorgen.

Übermorgen: Übermorgen haben wir einen Termin bei Frau Landsmann, der Center-Managerin. Wir treffen Frau Meier, eine treue Kundin von Anbeginn an, und wir wollen Andreas interviewen, der eine Ausstellung der Bremer Museen in der Ladenstraße aufbaut. Und überhaupt, ich will jetzt endlich anfangen zu schneiden...

FLORIAN THALHOFER



AGORA I – Donnerstag, 19. Oktober 2006

Frau S. meldet sich an einem der ersten Abende per Mail. Sie hatte in der Zeitung von unserem Projekt gelesen, und will uns nun eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen. Es war einmal eine kleine Löwin, so fängt es an, aber es ist keine schöne Geschichte. Eines Abends, schreibt Frau S., wurde die kleine Löwin auf dem Weg zu ihrer Höhle im Dunkeln von einer unsichtbaren Bestie angefallen, und nur mit größter Not konnte sie dem Tod entkommen.

Zuerst dachte ich, dass in der Geschichte eine Vergewaltigung beschrieben wird, aber es geht um etwas anderes. Die kleine Löwin erholt sich, schreibt Frau S. weiter, wurde aber Tage später von der gleichen Beste wieder überfallen. Von nun an, so endet ihre Geschichte, litt kleine Löwin Höllenqualen bei dem Gedanken an die Bestie, und ihre Höhle verließ nur noch an guten Tagen und in Begleitung ihres Jungen.
Die Bestie hat einen Namen, schrieb Frau S., man nennt sie Agoraphobie.

Der Begriff Agoraphobie leitet sich vom griechischen Wort für den Markplatz her. Agoraphobiker sind Menschen, die in der Öffentlichkeit unter heftigen Panikattacken leiden. Frau S. wurde am 18. September 1981 von dieser Krankheit befallen, die sich in heftigen Panikattacken äußert und ihr das Gefühl vermittelt, lebendig begraben zu sein.
Seit ich 25 Jahren bin ich ein Zombie, schreibt sie, ein lebender Toter.

Die meiste Zeit verbringt sie in ihrer Wohnung.
Im Center war ich das letzte Mal, als ich noch lebte. Jetzt würden mich die Auswahl aller Artikel, die Neuerung usw. höchstwahrscheinlich erschlagen. Als ich starb, war die Welt anders.

Frau S. ist heute 55 Jahre alt.

(Fortsetzung folgt.)

KOLJA MENSING



EIN INTELLEKTUELLER IM ANTISEPTISCHEN EINKAUFSPARADIES – Donnerstag, 19. Oktober 2006

Und dann sehe ich jemanden vorbeigehen, der so aussieht wie die, die ich kenne. Der so aussieht, als würde er in Berlin nachmittags im Café ein Buch lesen und abends nach dem Theater noch in einen Club gehen. Der hier so schnell durchs Center läuft, sieht in meinem Augen ganz falsch aus, ganz fehl am Platz, ganz aus einer anderen Welt. Einen Moment lang habe ich Angst, er könnte mich sehen, mich hier erwischen, im italienischen Eiscafé, wo die Muster der Sitzbezüge so aussehen, als würden sie Graffiti Tags verschwinden machen.
Einen Bulgarischen Bauernsalat, so wie gestern? fragt die Kellnerin und nach nur wenigen Tagen im Roland-Center ist etwas passiert, was ich in 13 Jahren in Berlin nicht erlebt habe. Dass ich in einem Café von der Bedienung wiedererkannt werde und sie sich noch erinnert, was ich am Tag zuvor bestellt habe. Oh, ja, sage ich, Danke.

FLORIAN THALHOFER



AGORA II – Freitag, 20. Oktober 2006

Ich habe Frau S. zurückgeschrieben und ihr weitere Fragen nach ihrer Krankheit gestellt, unter anderem, ob sie in Folge ihrer Agoraphobie tatsächlich ihre Wohnung gar nicht mehr verlässt.

Selten, antwortet sie, und nur in Begleitung ihres Mannes. Gelegentlich fahren sie gemeinsam zum Einkaufen, aber Spaß macht es nicht, weil ihr Mann jedes einzelne Teil, das sie in den Wagen legt, mit einer abfälligen Bemerkung kommentiert: Ich fühlte mich in diesen Momenten dermaßen klein und gedemütig, dass ich liebsten aus dem Laden rauslaufen würde. Ich komme mir ja sowieso vor, als würde man mit einem Hund Gassi gehen. Ein einziges Mal waren sie in den letzten Jahren bei C&A, und auch dort hat ihr Mann nur gemäkelt. Das ist zu teuer oder Das steht dir nicht. Daraufhin hat sie nur noch bei Neckermann, Quelle und Bader bestellt, heute kauft sie bei ebay ein.

Ihren Mann hat sie im Übrigen über eine Zeitungsannonce kennen gelernt. Damals war sie bereits erkrankt und hatte drei Ehen, 18 Operationen und unendliche Niederlagen, Enttäuschungen, Mißhandlungen usw. hinter sich.

Ich darf ihr gerne weitere Fragen stellen, schreibt sie: Ich werde alles zu 100% ehrlich beantworten. Gott ist mein Zeuge.

(Fortsetzung folgt.)

KOLJA MENSING



VERA AM MITTAG – Samstag, 21. Oktober 2006

Frau Brandt hat einen Artikel aus der Bild-Zeitung mitgebracht.
Feuer in Wohnblock. Nachbarn retten sich über den Balkon.

In der Wohnung, in der das Feuer ausgebrochen ist, lebte Lars, der Sohn von Frau Brandt, zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Schuld war ein defekter Wäschetrockner, die Hausratsversicherung kam für den Schaden nicht auf, und weil Lars und seine Frau arbeitslos sind, haben sie bis heute noch keine neue Wohnungseinrichtung. Die Bild-Zeitung wollte helfen, aber daraus ist dann doch nichts geworden.

Frau Brandt ist daraufhin selbst durch die Geschäfte gezogen, und hat nach Spenden gefragt.
Bei Takko und so.
Erfolg hatte sie keinen. Eine Kollegin hat ihr erklärt, warum.
Ohne Vera am Mittag hast du keine Chance.

Frau Brandt sieht auf Florians Videokamera, die vor ihr auf dem Tisch im Schlemmerparadies steht.
Könnt Ihr da nicht was machen? Ihr habt doch bestimmt Kontakte beim Fernsehen.
Ich schreibe Literaturkritiken, sage ich.
Zwei Kleiderschränke wären das Wichtigste, sagte Frau Brandt.
Gibt es es so etwas nicht beim Roten Kreuz?, frage ich.
Ich weiß ja nicht, wen man beim Fernsehen anrufen soll, sagt Frau Brandt.
Sie weint vor laufender Kamera.
Ist nicht schlimm, oder?
Nein, sage ich.

KOLJA MENSING



AGORA III – Sonntag, 22. Oktober 2006

Seit Frau S. unter Agoraphobie leidet und nur noch selten aus dem Haus geht, pflegt sie Brieffreundschaften, vom Allgäu bis Leipzig. Den meisten Menschen, mit denen sie sich schreibt, geht es auch nicht besonders gut. Es sind allesamt Dramen, die sich dort abspielen, fasst sie es in ihrer letzten Mail zusammen, für einen Normali einfach unvorstellbar.

Viele ihrer Phobie-Freunde, wie sie sie nennt, hat sie durch Selbstmord verloren, entweder sprangen sie von Hochhäusern oder sie nahmen eine Mixtur. Anderen Menschen konnte sie bei ihren Problemen helfen, aber meistens haben sie sich dann, wenn es ihnen besser ging, nie wieder gemeldet. Mein Vater starb; meine Muter starb und alle anderen starben auch. Und ihr Sohn, der in Hamburg für einen großen Finanzdienstleister arbeitet, hat den Kontakt zu ihr abgesprochen, weil er nicht stolz auf mich sein kann.

Ein Million Deutsche leiden derzeit unter Agoraphobie, schreibt Frau S., und sie glaubt, dass die Zahl der Betroffenen immer weiter ansteigt. Die Bestie hat Hunger, täglich sucht sie neue Opfer und ist dabei weiß Gott nicht wählerisch. Für sie ist das ein gesellschaftliches Problem. Ich frage mich u.a.: Wie will der Staat eines Tages ein wahres Heer von Agoraphobikern finanziell unterhalten?

KOLJA MENSING



TV IS EASY – Sonntag, 22. Oktober 2006

Der Wachmann fragt, ob wir einen Fernseher haben, in unserem Wohnwagen. Haben wir nicht. Er fragt mich. Am nächsten Tag fragt er Kolja, dann wieder mich. Er scheint Schwierigkeiten zu haben mit unserer Antwort. Ich sehe nie fern. Schon seit Jahren nicht mehr. Früher habe ich ganze Nächte vor dem Apparat verbacht. Der Fernseher ist eine Maschine, die Zeit verbrennt. Ich habe mir abgewöhnt ihn einzuschalten, weil ich mich immer so leer fühlte, nachdem ich ihn ausgeschaltet hatte. Später habe ich es noch einmal probiert. Ich hatte das ungute Gefühl, den Anschluss an die Gesellschaft zu verlieren. Eine Woche lang habe ich mir Talkshows im Nachmittagsprogramm angesehen. Ich wollte verstehen, was die Verkäuferin im Supermarkt, was die Menschen auf der Straße umtreibt. Ich habe nichts verstanden, habe statt dessen Angst bekommen, dachte, ich bin von Verrückten umgeben. Um mich selbst zu retten zog ich den Stecker.

Für ein paar Tage verlasse ich das Einkaufszentrum, ich habe in Amsterdam zu tun. Fahre mit dem Motorrad durch die Herbstsonne. Grüne Felder, gelbe Wälder, rote Backsteinhäuser, Kühe und Schafe jagen an mir vorbei.

Eigentlich sehe ich nie fern. In Hotelzimmern manchmal. Ich schalte den Fernseher an. Der Rennfahrer Michael Schumacher fährt das letzte Rennen seiner Karriere. Er kann es noch schaffen, den Weltmeister zu werden. Das Fernsehen zeigt eine Reportage aus Berlin. Ausländerkinder machen den Stadtteil Wedding unsicher. Da wohne ich. Der Alexanderplatz bei Nacht. Die Polizei hält ihn für gefährlich. Ich bin des öfteren nachts auf dem Alexanderplatz unterwegs. Ich halte ihn nicht für gefährlich. Das Wetter in Deutschland: regnerisch. Eine Computeranimation der Startaufstellung des Rennens in São Paulo. Der frühere Rennwagenfahrer Nikki Lauda stellt aus dem Off die Rennstrecke vor. Zu sehen ist eine neue, tragbare Computerspiel Konsole von Sony und darauf ein Computer-Rennauto, das auf dieser Strecke fährt. Danach kommt Werbung. Alles so schön bunt hier.

Ich schalte den Fernseher aus. Ich sitze auf dem Bett. Ich sehe das Roland-Center vor mir. Ich fühle mich leer. Ich fühle mich, als hätte ich 10 Tage lang ununterbrochen Fernsehen geschaut.

FLORIAN THALHOFER


BUDDHISMUS – Montag, 23. Oktober 2006

Das Center ist eine Bühne für dramatische Inszenierungen. Jens zum Beispiel steht plötzlich in unserem Büro, braungebrannt, gut gebaut und mit einem gewinnenden Lächeln.
Ich mache gerade eine Zeitreise, sagt er. Ich bin in der Nähe vom Center aufgewachsen, aber ich war schon seit Jahren nicht mehr hier.
Er strahlt uns an.
Ich könnte euch ein paar Geschichten erzählen.
Wir stellen die Kamera an.

Jens ist 42 und lebt in München. Dort gefällt es ihm, er liebt seine Arbeit als Flugbegleiter und hat einen großen Freundeskreis. Abends ist immer etwas los und am Wochenende ist man in einer halben Stunde am Starnberger See.

Jens macht es spannend. Er erzählt ein paar harmlose Anekdoten aus seiner Kindheit, als er und seine Freunde sich jeden Nachmittag im Center getroffen haben, wie sie durch die Gänge getobt sind und ein paar Mal auch etwas geklaut haben.
Radiergummis oder so, sagt er und zwinkert in die Kamera.
Jens ist Profi, er hatte schon mal eine kleine Rolle in Marienhof, und in München hat er Modell gestanden für die Titelfotos von Groschenromanen. Eins der Hefte hat er uns sogar mitgebracht.
War eine schöne Zeit.

Wir sitzen ihm ein wenig hilflos gegenüber.
Bist du religiös?
Eigentlich nicht. Es geht eher in Richtung Buddhismus.
Wovor hast du Angst?

Vor Krankheit, wie die meisten Menschen. Eine Verwandte von mir ist schon lange schwer krank. So etwas möchte ich selbst nicht erleben.
Ein Verwandte?
Ein nahe Verwandte.

Dann schwärmt er wieder von München und wie glücklich er dort ist. Morgen fliegt er zurück, zwei Tage Bremen sind genug. Es war übrigens sein Vater, der ihm den Atikel über unser Projekt aus der Lokalzeitung ausgeschnitten hat.
Und was ist mit deiner Mutter?
Die Antwort kommt schnell, so als hätte er auf die Frage gewartet.
Das ist die nahe Verwandte, von der ich gesprochen habe.

Seine Eltern haben sich scheiden lassen, als er 13 Jahre alt war. Er und sein Bruder haben bei ihrer Mutter gewohnt, zusammen mit ihrem neuen Mann.
Meine Mutter war damals 38, mein Stiefvater 21.
Irgendwann ist Jens ausgezogen, zuerst nach Bremen in eine eigene Wohnung, später dann nach München. Auch die zweite Ehe seiner Mutter wurde geschieden, und sie hat noch mehr getrunken als vorher. Von Jahr zu Jahr wurde es schlimmer, zum Alkohol kamen Tabletten dazu. Vor acht Jahren hatte seine Mutter dann ihren letzten Absturz. Sie ist in ein Wachkoma gefallen und nicht wieder aufgewacht. Seitdem liegt sie in einem Pflegeheim.
Jens war das letzte Mal vor fünf Jahren bei ihr, aber in Zukunft will er häufiger kommen.
Ich glaube, Koma-Patienten spüren, ob jemand bei ihnen ist.

Wenn Jens zwischen zwei Flügen ein paar Stunden Aufenthalt hat, bummelt er mit seinen Kollegen durch die Shopping Malls in Bangkok, Chicago oder Buenos Aires.
Dagegen ist das Roland-Center gar nichts.

KOLJA MENSING



SIRENEN – Dienstag, 24. Oktober 2006

Als ich ein Kind war, erzählte mein Vater mir jeden Abend beim Abwaschen in der Küche eine Geschichte. Es waren ganz unterschiedliche Geschichten. Er erzählte von Klaus Störtebecker, dem Piraten, der im Auftrag des schwedischen Königs die Schiffe der Hanse ausraubte, er erzählte von Scott und Amundsen und ihrem abenteuerlichen Wettlauf zum Südpol, und er erzählte mir griechische Heldensagen, von Herkules, Ikarus oder vom Kampf um Troja .

Am besten gefielen mir die Geschichten von Odysseus, und zur Zeite denke ich häufig an die Episode mit den Sirenen, den Meerjungfrauen, die mit ihrem betörenden Gesang Seefahrer anlockten und sie dann töteten. Odysseus wusste davon, und um den Liedern der Sirenen gefahrlos lauschen zu können, befahl er den Männern auf seinem Schiff, sich die Ohren mit Wachs zu verschließen und ihn selbst an den Mast zu binden. Odysseus wollte sich selbst vergessen, aber er wollte sicher sein, dass er anschließend zu sich selbst zurückfand.

Vielleicht gehe ich darum nicht einfach so in Einkaufszentrum, die Gelegenheit hätte ich schließlich jeden Tag, sondern lasse mich hier vier Wochen lang unter Bedingungen einschließen, die ich selbst kontrolliere. Mein Notizbuch, mein Computer und die Kamera sollen verhindern, dass ich ganz und gar von dieser Welt verschluckt werde. Ich bin mir allerdings nicht mehr ganz sicher, ob Odysseus wirklich so klug war, wie es immer heißt. Stricke können reißen, Wachs kann schmelzen, vor allem können Gesänge in einem weiterklingen, genau wie die Geschichten, die einem irgendwann einmal jemand erzählt hat.

Die Stimme meines Vaters zum Beispiel höre ich sogar, wenn ich hier an einem Samstag mitten auf der Ladenstraße stehe, umgeben von Hunderten von lärmenden Menschen.

KOLJA MENSING



DAS WOHLTEMPERIERTE EINKAUFSZENTRUM – Dienstag, 24. Oktober 2006

Klimasensensoren. Die Fenster öffnen sich, wenn es zu warm wird und schließen sich bei Regen oder Wind. Automatisch. Unsichtbar sorgt früh am Morgen eine Putz-Kolonne für Sauberkeit. Wenn die Kunden kommen, sind die Frauen und Männer vom Putzdienst wie die Heinzelmännchen schon wieder verschwunden. Haben sich nach Hause verzogen, schauen RTL und SAT1 und träumen davon, von der Fee aus dem Fernseher eine schicke Wohnungseinrichtung geschenkt zu bekommen. Aber es sind immer die anderen, denen dieses Glück zu Teil wird. Frau Brandt hat früher bei real gearbeitet, bis der Marktleiter sie rausgeschmissen hat. In ihrem Alter würde sie nicht mehr viel hermachen, hat er ihr noch mit auf den Weg gegeben. Jetzt wischt Frau Brand den Marmorboden im Shopping-Centner und geht zu real nur noch zum Einkaufen. Sie sei zufrieden, sagt sie, ihre Kühltruhe sei voll und einen Kaffee ab und zu könne sie sich auch noch leisten. Bis 12h kostet die Tasse im Schlemmerparadies 99 Cent, danach wird er teurer.

FLORIAN THALHOFER


BUDDHISMUS 2 – MITTWOCH, 25. Oktober 2006

Wenn sie nichts anderes zu tun hat faltet Clara, die Bedienung an der Kaffeetheke, viereckige Papierservietten zu dreieckigen. Den Blick in die Ferne nimmt sie langsam eine Serviette nach der anderen, knickt sie diagonal, legt sie auf die Theke und streift sie entlang der Falz glatt. Legt sie schließlich auf einen Stapel, zu den anderen zu Dreiecken gefalteten Servietten.

FLORIAN THALHOFER


EIGENENGAGEMENT – Mittwoch, 25. Oktober 2006

Bitte auf das Bild klicken, um den Film anzusehen...


SPIONE – Mittwoch, 25. Oktober 2006

Im Center beobachtet jeder jeden. Der Hausinspektor kontrolliert auf seinem morgendlichen Rundgang, ob die Mieter ihre Läden pünktlich öffnen, der Mann vom Sicherheitsdienst hält nach Ladendieben und Taschendieben Ausschau und wird dabei wiederum von den Damen an der Informationstheke im Auge behalten, die ansonsten damit beschäftigt sind, Kundenfragen zu beantworten und über diese Fragen eine möglichst genaue Statistik zu führen.

Dass es über ein Dutzend Überwachungskameras auf dem Gelände gibt, versteht sich von selbst, aber es gibt auch nicht wenige Besucher, die die Vorgänge im Center sehr genau verfolgen und zum Beispiel das unerwartete Auftauchen eines Rossmann-Einkaufswagen im real-Markt sofort im Centermanagement melden, wo man sich allerdings mehr für die Umsätze der Filialisten und Einzelhändler interessiert und bei sinkenden Zahlen ein so genanntes Optimierungsgespräch mit dem Geschäftsführer oder Besitzer anberaumt.

Auch wir sind längst Teil dieses Systems geworden. Vor einigen Tagen hat die Sekretärin der Centermanagerin in unserem Internet-Tagebuch die Überschrift „Hölle“ gelesen, und hat ihrer Chefin daraufhin mitgeteilt, beim Öffnen unserer Website erfahre man als erstes, dass das Roland-Center die Hölle sei. Die Centermanagerin rief die Arbeitnehmerkammer an, die unser Projekt fördert, Peter von der Arbeitnehmerkammer rief mich an, und ich ging daraufhin in das Büro der Centermanagerin. Ich sprach von „Ironie“ und „Freiheit“ und sie von „Partnerschaft“ und „Interessen“, und dann beobachtete jeder von uns, wie die Wörter des anderen durch das Zimmer schwebten.

KOLJA MENSING


VORSTADT – Donnerstag, 26. Oktober 2006

Am Wochenende gehen wir einkaufen. Wir parken neben dem Eingang des Centers. Wir bummeln über die Ladenstraße. Wir trinken Cappuccino. Wir rauchen Leichtzigaretten. Wir kaufen Kleidung. Wir kaufen ein Eis. Wir kennen Menschen, die Probleme haben. Wir lassen uns Flachbildschirme vorführen. Wir erklären unseren Kindern die Welt. Wir sehen Goldfischen in einem der künstlichen Teiche zu. Wir rufen mit dem Handy unsere Eltern an. Wir nehmen Sonderangebote wahr. Wir träumen vom schnellen Sex in einer Umkleidekabine. Wir haben keine Angst vor dem Tod, nur Angst vor dem Sterben. Wir streiten uns vor Douglas. Wir küssen uns bei Tschibo. Wir machen keine Schulden. Wir trinken Prosecco. Wir verlieben uns in die Freundin unseres besten Freundes. Wir glauben nicht an Gott. Wir gehen erst zu Penny und dann zu real. Wir fahren nach Hause. Wir machen Halt an der Tankstelle. Wir leben in der Vorstadt. Wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben. Wir sehen uns einen Spielfilm an. Wir gehen schlafen.

KOLJA MENSING


GESCHENKT – Freitag, 27. Oktober 2006

Wer einen Roland-Center-Geschenk-Gutschein kauft, muß 50 Cent mehr zahlen, als er Wert ist. Da haben sich schon manche beschwert. Dabei gibt es im Roland-Center sogar einen Umschlag für den Gutschein, das gibt es woanders nicht. Die Geschenk-Gutscheine bekommt man von Frau Rink, der Dame an der Information. Und damit die Kunden nicht noch eine Karte extra kaufen müssen, bemalt sie die Umschläge mit Filzstift. Sie sitzt und zeichnet, unterbrochen nur, wenn jemand nach dem Weg zur Toilette fragt, zum Telefon-Punkt oder nach einem Laden, in dem man Goldfische kaufen kann. Sie hat schon als Kind immer gemalt und wollte später in die Werbebranche. Doch ihr Vater hat dafür gesorgt, dass sie einen soliden Beruf ergreift, und so hat sie das Zeichnen zum Hobby gemacht. Die Bremer Stadtmusikanten sind ein beliebtes Motiv, aber auch Blumenbeete, Kleenlätter, Marienkäfer, Igel oder Schweine. Zum Geburtstag lassen wir die Sau raus! schreibt sie darüber, oder Zum Jahrestag viel Glück. Je nach Anlaß.

FLORIAN THALHOFER


KURZWAREN – Samstag, 28. Oktober 2006

Für einen Tag habe ich das Einkaufszentrum verlassen und bin zu meinen Großeltern gefahren. Die beiden leben in einem Dorf. Mein Urgroßvater war dort Kaufmann. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte er unten in seinem Haus einen Laden eröffnet, in dem er Lebensmittel, Kleidung und Kurzwaren verkaufte.

Meine Großmutter wurde 1926 geborenen. Sie wohnt noch heute in dem Haus. Während des Zweiten Weltkriegs heiratete sie meinen Großvater, und in den ersten Jahren nach dem Krieg halfen beide in dem Laden aus. Besonders gut lief es allerdings nicht, und so suchte sich mein Großvater in den Fünfzigerjahren eine Arbeit als Vertreter. Mein Urgroßvater gab den Laden schließlich auf, ein guter Geschäftsmann war er ohnehin nie gewesen. Er starb, bevor ich geboren wurde. Als ich ein Kind war und bei meinen Großeltern die Ferien verbrachte, war aus dem ehemaligen Laden meines Urgroßvaters ein Edeka geworden. Meinen Großvater sah ich damals nur selten, er war immer noch Vertreter und fuhr unter der Woche in einem weißen Mercedes durch Deutschland.

Ende der Achtzigerjahre wurde der Edeka geschlossen. Die Menschen in dem Dorf fuhren in die nächste Stadt, um in einem Supermarkt einzukaufen. Meine Großeltern waren inzwischen nicht mehr gut zu Fuß. Sie verkleinerten die Ladenfläche, um sich im Erdgeschoss ihres Hauses ein Schlafzimmer einzurichten. Die letzten paar Quadratmeter vermieteten sie an einen Bäcker, der allerdings nicht lange blieb. Nach ihm zog ein Pizzabäcker ein, ein junger Mann, der sich als Ich-AG selbstständig gemacht hatte. Abends, wenn meine Großeltern zu Bett gingen, roch es in ihrem Schlafzimmer jetzt nach Oregano und geschmolzenem Käse. Sie kündigten dem Pizzabäcker. Seitdem steht das Geschäft leer.

Als ich jetzt bei ihnen war, erzählten wir am Kaffeetisch von früher, das heißt, eigentlich erzählte nur meine Großmutter. Das Gedächtnis meines Großvater ist nicht mehr sehr gut, manche Dinge vergisst er bereits nach wenigen Minuten.
Wo willst du denn heute noch hin?
Das hat er mich an diesem Nachmittag wohl ein Dutzend mal gefragt.
Nach Bremen. Ich drehe einen Film über ein Einkaufszentrum.
Meine Großmutter hat versucht, ihm zu erklären, was ein Einkaufszentrum ist, und mein Großvater ist wütend geworden, weil er es nicht verstanden hat.
Ich bin mein ganzes Leben lang Auto gefahren, sagte er zu mir, als wir später einen Moment lang allein in Wohnzimmer saßen.
Und jetzt legen sie mich einfach in einen Sarg und graben mich ein.

KOLJA MENSING


PHOTONENRING – Sonntag, 29. Oktober 2006

Früher hat Peter Heuer Versicherungen verkauft und in einer Unternehmensberatung gearbeitet. Jetzt ist er 60 Jahre alt und Frührentner. Nachmittags kommt er ins Center und setzt sich in „Das Café“.
Ich spreche niemanden an. Ich strahle Energie aus. Wer mit mir reden will, kommt dann schon. Sehen Sie die Frau dort?
Am Nachbartisch sitzt ein junges türkisches Paar. Er senkt die Stimme.
Wenn ich dieser Frau sagen würde, wo sie feinstofflich gerade ist, würde sie mir eine Ohrfeige geben.
Und wo ist sie?
Bei einem anderen Mann natürlich.
Er sieht mich an und lacht.
Sie spüren das auch. Was glauben Sie, warum Sie so nervös sind?

Peter Heuer ist Astrologe, das Center ist sein Arbeitszimmer. Vor sich auf dem Tisch liegt eine Mappe mit Notizen, Kopien von Zeitungsartikeln und farbig ausgemalten Diagrammen.
Wissen Sie, was ein Photonenring ist?
Er malt zwei Kreise auf ein Blatt Papier und fängt an zu erklären, warum die Welt sich im Jahre 2012 verändern wird.
Ich habe mit dem Jesus-Horoskop angefangen. Später kam das Horoskop von König David dazu. Jesus, das ist der reine Geist, David, das ist Materie. Von hier aus lässt sich alles berechnen. Kennen Sie den Bibelcode? Das ist ein umstrittenes Buch.

Er drückt mir die einen Zeitungsartikel in die Hand, es geht um den Physiker David Bohm und die Quantenphysik. Peter Heuer macht Punkte beim Reden, aber keine Absätze.
Es gibt eine Weissagung der Hopi-Indianer. Die Zahlen decken sich mit den Angaben von Nostradamus. Vor ein paar Wochen ist Pluto der Status eines Planeten entzogen worden. Was meinen Sie, was das mit uns macht?

Ich bin Fisch, sage ich. Aszendent Zwilling.
Das findet er nicht schlecht.
Der Zwilling öffnet Sie gegenüber anderen Menschen. Das ist wichtig für Ihren Film. Als Fisch müssen sie allerdings auch selbst in die Tiefe gehen. Das vernachlässigen Sie.

KOLJA MENSING


MENSCHELN UND CO – Montag, 30. Oktober 2006

Abends gehen wir Bier trinken, bei Bokelmanns, direkt an der Hauptstraße. Außer uns sind noch zwei andere Gäste da und der Wirt. Im Fernsehen läuft Fußball. Für das Center haben sie hier nicht viel übrig.

Kein Fassbier in dem ganzen Laden.
Bei real bekommt man morgens um zehn schon keinen Einkaufswagen mehr.
Früher gab es da eine Kneipe, mit eigenem Eingang. Bis vier Uhr morgens geöffnet.
Passte natürlich nicht ins Bild.
Jetzt ist da die City Bank drin.

Wie lange wollt ihr denn da bleiben?
Der Wirt stellt uns zwei neue Haake Beck hin.
Auf Kosten des Hauses.
Er hat Mitleid mit uns.

Am nächsten Morgen erreicht uns eine Mail.
Bislang sind die Aufzeichnungen doch von einer gewissen milden Ereignislosigkeit und flanierenden Oberflächlichkeit geprägt.
Der Verfasser ist wütend.
Wirkliche Konflikte im Center können schließlich nicht dokumentiert werden, da die Skribenten mit dem Center kooperieren, bzw. sogar in dessen Broschüre abgedruckt werden. Beispiel: In Berlin werden die real Supermärkte nachts von Hilfskräften zu außertariflichen Billiglöhnen bestückt - ein solcher Konflikt ist im 13ten Shop gar nicht dokumentierbar! Stattdessen verlegen sich Mensing und Co ja auch aufs unanstößige Menscheln!

Ich schreibe ihm zurück und frage, ob er uns ein Interview gibt. Die Antwort ist kurz.
Nein.
Dabei hätten wir ihn auf jeden Fall zum Bier eingeladen.
Flaschenbier, natürlich.

KOLJA MENSING


MANAGEMENT – Dienstag, 31. Oktober 2006

Frau Landsmann ist perfekt. Frau Landsmann ist die jüngste Center Managerin der ECE. Frau Landsmann lächelt in die Kamera. Sie hat ihre Beine locker übereinander geschlagen, ihr Oberkörper ist erwartungsvoll angespannt. Frau Landsmann ist 27 Jahre alt.

Frau Landsmann hat alles unter Kontrolle. Frau Landsmann sagt, dass sie darüber gar nicht nachdenkt. Sie fühlt sich wohl, so wie sie ist. Frau Landsmann hat keine Angst vor Interviews. Frau Landsmann hat vor überhaupt nichts Angst. Frau Landsmann redet gerne über das Center, aber sie hat auch nichts dagegen, über ihr Privatleben zu sprechen. Frau Landsmann ist alleine mit ihrer Mutter aufgewachsen. Als Schülerin war sie eine Streberin. Frau Landsmann hat zielstrebig studiert. Frau Landsmann hat ein Praktikum in Athen gemacht. Frau Landsmann hat einen Freund. Frau Landsmann hat kein Interesse daran, ihren Vater kennen zu lernen. Auf einem Foto von einem Betriebsausflug trägt Frau Landsmann eine Kapuzenjacke. Frau Landsmann hat früher davon geträumt, Archäologin zu werden.

Frau Landsmann sieht während des Interviews gelegentlich auf meine Hände. Als ich so alt war wie Frau Landsmann, habe ich eine Psychotherapie gemacht. Einer der Gutachter notierte damals, dass meine Gesten während des Gesprächs nervös und fahrig wirkten. Das hat auch die Therapie nicht geändert. Ich fange an zu stottern, wenn ich verlegen bin. Ich schaue meist rechts an meinen Gesprächspartnern vorbei. Meine Therapeutin heißt Barbara, genau wie meine Mutter und meine Agentin. Manchmal schließe ich beim Sprechen einige Sekunden lang die Augen.

Hier geht es natürlich nicht um mich. Florian zoomt während des Interviews auf die Hände von Frau Landsmann. Sogar das bemerkt sie.

Frau Landsmann korrigiert ihre Körperhaltung.

KOLJA MENSING


LANDSMANNLAND – EINE LIEBESERKLÄRUNG – Dienstag, 31. Oktober 2006

Das haben die sich sauber ausgedacht, die Herren aus der Zentrale in Hamburg. Wir haben uns ja schon manches Mal gefragt, warum sie uns hier eigentlich reingelassen haben, in dieses System, in dem alles unter Kontrolle ist. In dem auf ein Jahr im voraus geplant wird, welche Veranstaltung wann und warum und an welche Stelle stattfinden wird. Wo genaue Pläne gezeichnet werden, wo jeder Mülleimer und jedes Leuchtschild seinen fest zugewiesenen Platz hat. Wir haben hier auch einen Platz bekommen, im Besprechungsraum, direkt neben dem Zimmer von Frau Landsmann, der hübschen, 27-jährigen Center-Managerin. Den Besprechungsraum dürfen wir nutzen, solange keine Besprechungen sind, und für die nächsten drei Wochen sind keine mehr geplant. Einmal mussten wir raus, da haben wir unseren Kram in einen Einkaufswagen gepackt und vorübergehend in einem anderen Raum geparkt. Einmal haben die Models der Center-Modenschau der Raum als Garderobe genutzt, da haben wir ihn geteilt.

Wir durften zwei Tische ans Fenster stellen und haben das Zimmer nach und nach immer mehr für uns eingenommen. Der Besprechungsraum ist mittlerweile der chaotischste Ort im Center-Management-Büro. Wir bemühen uns, Ordnung zu halten, aber es mag uns so recht nicht gelingen. Wir ticken anders. Wir sind nicht so strukturiert, so planbar. Warum haben uns die hier reingelassen? Ursprünglich wollten wir in einem Center drehen, das zu einem anderen Konzern gehört. Vorgespräche waren geführt worden, wir waren lange angekündigt, doch dann hat die Zentrale plötzlich "Nein" gesagt. Keine Begründung, keine Möglichkeit nachzuhaken. Es ist ja auch irgendwie verständlich. Zwei Typen, die einen Monat im Einkaufszentrum herumschnüffeln und wer weis was finden und es in die Welt hinausposaunen. Das kann einer Konzernzentrale schon unheimlich sein. Warum haben uns die hier reingelassen?

Die Herren aus der Zentrale ich Hamburg haben es gewusst: Wir würden uns in die Center-Managerin, Frau Landsmann, verlieben. So wie der brummige Hausinspektor Höfener, der in 27 Jahren 7 Managern getrotzt hat, dem Charme der jungen Frau erlegen ist. Und wie könnten wir dann dem Center, dem erklärten Baby von Frau Landsmann, das sie liebevoll mit Zahlen und Statistiken besingt, etwas zu Leide tun? Die Herren aus Hamburg hatten recht: Es ist so süß, das Baby von Frau Landsmann!

FLORIAN THALHOFER


AUSSENHAUT – Mittwoch, 1. November 2006

Gestern haben Florian und ich in unserem Wohnwagen Schnaps getrunken und über die Vor- und Nachteile menschlicher Kommunikation gesprochen, und heute morgen haben wir dann den Haustechniker Tim bei seiner Frühschicht begleitet und eine neue Sprache gelernt.

Das Materiallager im Erdgeschoss heißt Manipulation, bei den Lampen auf der Ladenstraße unterscheidet man Milieuleuchten, Schmuckleuchten und Sonnen, und eine Rolltreppe trägt in der Welt der Center den Namen Fahrtreppe, schließlich fährt man auf ihr und rollt nicht. Im Heizungsraum findet eine Wärmeübergabe statt, ein paar von den schmalen Fenster im Dach sind keine Fenster, sondern Rauchklappen, die Außenwand ist eine Außenhaut, zumindest aus Sicht der Sicherheitstechnik, und die Maschine, die im Winter vorgeheizte Luft zwischen die Schiebetüren des Centers bläst, wird Torschleier genannt. Als Kind mochte ich es sehr, wenn die Wärme sich wie ein Schleier um mich legte, und wenn meine Eltern mit mir ein Kaufhaus besucht haben, bin ich immer so langsam wie möglich durch die beiden Türen am Eingang gegangen.

An der Nordseite des Roland-Centers befindet sich ein kleiner Anbau für die Wasserübergabe, und als wir auch dort einen kurzen Blick hineinwarfen, zeigte Tim uns einen ausrangierten Torschleier, der demnächst abgeholt werden soll.

Er wirkte recht unspektakulär. Ein Blechschacht, ein Gebläse mit Lüftungsschlitzen, ein herausgerissenes Kabel.

KOLJA MENSING


FISCHE – Donnerstag, 2. November 2006

Auf der Ladenstraße im Erdgeschoss gibt es ein Becken mit Goldfischen. Als wir Tim, den Haustechniker, auf seinem Rundgang begleiten, fragen wir ihn, wer sich um die Fische kümmert.
Gefüttert werden sie von den Kunden. Die Fische fressen alles. Kuchen, Brot, Pommes...

Wir glauben ihm kein Wort. Tim schwört, dass er die Wahrheit sagt.
Einmal hat mich eine Kundin gerufen, weil einer der Goldfische fast erstickt wäre. Ich habe den Fisch aus dem Wasser geholt, ihm einen Pommes Frites aus dem Maul gezogen, und ihn zurück in das Becken geschmissen.
Und?
Er hat es überstanden. Ab und zu stirbt natürlich auch einer der Fische, aber die Kunden bringen immer wieder Nachzucht von zu Hause mit.

Tim empfiehlt uns, mit seinem Kollegen Herrn Nolte zu sprechen.
Der kann noch ganz andere Geschichten erzählen.
Außerdem erfahren wir, dass gleich mehrere Haustechniker zu Hause Echsen halten.
Bartagamen.

Wir erzählen Tim von dem handtellergroßen Käfer, den wir vor einigen Nächten auf dem Parkplatz des Centers entdeckt haben.

Wirklich beeindruckt ist er nicht.

KOLJA MENSING


ÜBER NACHT – Freitag, 3. November 2006

Am frühen Abend leert er sich langsam der Parkplatz. Wenn um viertel vor neun die Türen geschlossen werden, sind nur noch die Wagen der Angestellten übrig. Mülltüten werden zum Container geschleppt, Krähen fliegen in dunklen Schwärmen zu ihren Schlafbäumen. Zwei oder drei Verkäuferinnen stehen alleine in der Dunkelheit, sie ziehen müde an ihren Zigaretten und warten darauf, dass ihre Männer sie abholen. Der Sicherheitsmann dreht eine letzte Runde und überprüft, ob alle Türen und Fenster geschlossen sind.

Der Parkplatz ist leer, nur der Wohnwagen, der am Sonntag dem Geschäftsführer des Automarktes als Büro dient, steht noch da. Nach und nach gehen im Center die Lichter aus. Die Kühlaggregate werden heruntergefahren. Ein Düsenjet, im Landeanflug auf den benachbarten Flugplatz, der Wind streicht durch die Bäume und treibt Papiertüten und Pappbecher über den Asphalt auf die ausgewaschenen Betonwände zu. Um elf fährt noch einmal ein Streifenwagen über den Parkplatz, langsam, mit abgeblendeten Lichtern. Später halten zwei Autos im Schatten des Centers, Kisten werden von einem Kofferraum in den anderen umgeladen. Für ein paar Stunden ist es still.

Um fünf kommen die ersten LKWs, die Fahrer lassen die Motoren laufen, während sie die Zeitung lesen. Thermoskannen stehen auf dem Armaturenbrett. Die Putzfrauen trinken ihren Kaffee beim Bäcker an der Hauptstraße. Sie reden in fremden Sprachen. Um halb sieben werden die Türen des Centers aufgeschlossenen. Rentner warten darauf, dass der Penny öffnet. Krähen stürzen sich in der Morgendämmerung von den Bäumen und jagen auf dem Parkplatz Essensresten und Chipstüten hinterher. Mülleimer quellen über, Tautropfen laufen über Plastikfolien. Die ersten Linienmaschinen landen, mit den Geschäftsleuten aus London und München. Möwen schreien. Feuerzeuge klicken, es riecht nach Benzin. Die Sonne bricht durch die Wolken. Frauen steigen aus Kleinwagen, sie zittern, ihr Atem kondensiert. Wir folgen ihnen ohne zu zögern, und wir wärmen uns mit ihnen an der geheizten Luft im Eingangsbereich.

Jeder Tag ist ein Tag im Center.

KOLJA MENSING


MANUELA – Samstag, 4. November 2006

Manuela hat Glück. Sie findet Geld auf der Straße. Regelmäßig. Neulich, als sie sich neue Hosen kaufen wollte. Sie hatte sich mit einer Freundin zum Einkaufen verabredet, obwohl sie kein Geld hatte. Ich finde bestimmt was, hat sie gesagt. Und tatsächlich, auf dem Weg zu ihrer Freundin lag ein Portemonnaie auf dem Bürgersteig. Manuela strahlt. 275 Euro in bar. Kein Ausweis drin, nichts was auf den Besitzer hinwies. Da hat sie es genommen. Das geht ihr oft so. Mal sind es 50 Euro zwischen Straßenbahnschienen, oder 20 Euro im Papierkorb. Manuela zählt auf. Manuela ist im Heim aufgewachsen. Ihre Mutter war Alkoholikerin, ihr Vater war nach einem Unfall geistig behindert und halbseitig gelähmt. Sie sind beide gestorben. Ihr Bruder hat sich vor ein paar Jahren umgebracht wegen der Schulden, wenig später die Schwester, die ist mit ihrem Leben nie klar gekommen. Manuela ist von allen immer nur ausgenutzt worden. Die Nachbarn haben sie missbraucht, die Geschwister verprügelt. Der Mutter war es egal. Im Heim haben ihr die Erzieherinnen beigebracht über alles zu reden. Und zu schweigen und tief durchzuatmen, wenn sie sich beruhigen muss. Manuela hat ihren Job als Putzfrau im Einkaufszentrum gekündigt. Sie hat die Reinigungsmittel nicht mehr vertragen und mit ihren Kolleginnen gab es Probleme. Um einen neuen Job macht sie sich keine Sorgen. Manuela hat immer einen Job gefunden. Sie hat nie lange suchen müssen. So wird es auch diesmal wieder sein. Manuela hat Glück.

FLORIAN THALHOFER


ASCHENBECHER - Samstag, 4. November 2005

Im Tabakwarenladen. Eine Frau, Mitte vierzig, und die Verkäuferin.

Ich suche einen Taschenaschenbecher.
Die haben wir hier drüben.
Als Geschenk für einen älteren Herrn.

Die Verkäuferin nimmt mehrere Taschenaschenbecher aus einer Glasvitrine und stellt sie vor sich auf den Tisch.
In Silber, zum Beispiel.
Der Deckel m
uss sich leicht öffnen lassen.
Die Verkäuferin lässt den Verschluss aufspringen.
Er hat nämlich nur noch eine Hand.

Die Verkäuferin holt einen weiteren Taschenaschenbecher aus der Vitrine. Es handelt sich um ein flaches, rechteckiges Modell, ganz in weiß. Sie drückt auf eine Taste, daraufhin öffnet ein verborgener Mechanismus den Deckel des Aschenbechers wie in Zeitlupe.
Vielleicht ist das praktisch.
Kommt er nicht mit klar.

Die beiden sehen nacheinander alle Aschenbecher an.
Was steht hier?
Die Verkäuferin kneift die Augen zusammen, um die kleine Schrift auf dem Deckel besser lesen zu können.
I am so fucking happy.
Über dem Schriftzug befindet sich eine Zeichnung mit einem Rastafari, der unter Palmen liegt und einen Joint raucht.
Was soll das heißen?
Die Verkäuferin überlegt.
Ein Kunde mischt sich ein.
Ich bin so verdammt glücklich.
Na, ja.
Eigentlich heißt es, ich bin so verfickt glücklich.
Das ist dann nichts für ihn.

Kurze Pause.
Ich glaube, ich nehme doch ein Feuerzeug.

KOLJA MENSING


WASSER – Montag, 6. November 2006

Manuela beseitigt Spuren. Von morgens an zieht sie ihren Wagen mit den Reinigungsmitteln über die Ladenstraße und poliert Glasscheiben, hebt Papierfetzen auf und wischt den Fußboden. Zwanzigtausend Menschen kommen und gehen jeden Tag, aber nichts bleibt liegen, kein Fingerabdruck hält sich länger als ein paar Stunden.

Auch die Zeit perlt einfach ab an den spiegelglatten Oberflächen. Im Center hat die Gegenwart keine Chance, zur Vergangenheit zu werden. Keine Werbefläche, die nicht alle vier oder fünf Tage neu bespielt wird, kein Schaufenster, das nicht nach zwei oder drei Wochen neu dekoriert wird.

Trotzdem haben uns bisher alle Gespräch weit zurück geführt. Frau Landsmanns Vater hat noch vor ihrer Geburt die Familie verlassen, Jens, der früher mit seinen Freunden zwischen den Geschäften und auf den Rolltreppen gespielt hat, ist an das andere Ende von Deutschland gezogen, um nicht miterleben zu müssen, wie seine Mutter sich aus Verzweiflung über ihren Lebensgefährten zu Tode trinkt, und für Manuela, die heute ihren Putzlappen routiniert über die Handläufe aus Edelstahl zieht, ist es das größte Glück ihres Lebens, dass sie als junges Mädchen in ein Heim gekommen ist und nicht mehr bei ihrer Familie bleiben musste.

Es muss einen verborgenen Ort im Center geben, an dem diese Geschichten gespeichert werden und nach und nach ihre Struktur verändern, genau wie das Wasser in der Sprinkleranlage. Im Center hat es noch nie gebrannt, und Wasser ist in den vergangenen dreißig Jahren immer trüber geworden. Sollte eines der gläsernen Deckenventile aufgrund eines Feuers zerspringen, würden sich aus den Rohren und dem gewaltigen Tank im Erdgeschoss mehr als dreißigtausend Liter pechschwarzes Brackwasser über die Einrichtungen der Geschäfte, über die Waren und über Menschen ergießen.

Das Management empfiehlt den Mietern, für diesen Fall eine Versicherung gegen Wasserschäden abzuschließen.

KOLJA MENSING


UNBEDACHT – Dienstag, 7. November 2006

Marcus hat Schulden. Er hat einen Partner-Handy-Vertrag für sich und seine Ex-Freundin abgeschlossen. Die hat mobil die große Freiheit genossen und innerhalb von zwei Monaten eine 3000 Euro teure Telefonrechnung produziert. "Wie, hat sie Sex-Hotlines angerufen?" wollen wir wissen. "Nein, sie telefoniert halt gerne", sagt die Mutter von Marcus, die uns die Geschichte erzählt. Sie musste ihrem Sohn dann helfen, aus dem Schlamassel wieder herauszukommen. "Ich kann das schon verstehen", sagt sie, "ich telefoniere auch mal mit einer Freundin und vergesse, dass ich auf dem Handy angerufen habe".

Marcus hat drei mal die Handynummer sperren lassen. Telefonisch. Er hätten es per Einschreiben tun sollen. Das hat ihm später eine Anwältin gesagt. 50 Euro stottert er jetzt pro Monat ab. Mehr kann er nicht zahlen.

FLORIAN THALHOFER


ZWANGHAFT – Dienstag, 7. November 2006

Es treibt mich seit Wochen um. Im Einkaufszentrum gibt es vier Mobilfunkläden. Es muss doch irgendwie möglich sein, einen günstigeren Vertrag abzuschließen. Ich studiere die grünen Werbeblättchen von Eplus, die blauen von O2, die roten von Vodafone und die magenta-farbenen der früheren Telekom. Ich versuche die Internetseiten der großen Mobilfunkanbieter und ihrer zahlreichen Billigableger zu enträtseln. Alles klingt gut, aber jedes Angebot hat einen Haken. Mal sind es die exorbitanten Preise für SMS oder für Anrufe in anderen Mobil-Funk-Netzen, mal soll man 1,99 Euro pro Minute für die normalerweise kostenlose Service-Hotline berappen. Ich verbrenne meine Zeit mit Kleingedrucktem, und ich kann es nicht lassen. Ich wünschte, ich könnte mich endlich geschlagen geben. Dann könnte ich wieder in Ruhe ein Buch lesen, wenn ich nichts zu tun habe.

FLORIAN THALHOFER


ASIEN – Dienstag, 7. November 2006

Es gibt eine zweite Wirklichkeit hinter der ersten Wirklichkeit. Die Filiale von Sandra Lückemann im ersten Obergeschoss zum Beispiel wirkt viel kleiner als auf dem Grundriss des Centers eingezeichnet. Erst als ich an den Ständern mit den bonbonfarbenen Skijacken und wattierten Hemden vorbeigehe und die unauffällig in die Rückwand des Ladens eingepasste Schwingtür durchquere, verstehe ich, warum.

Es ist ganz einfach. Bis vor kurzem war hier die große Filiale eines MakroMarkts untergebracht, und als das Elektronikkaufhaus ausgezog, wurde die Ladenfläche halbiert. Vorne verkauft Sandra Lückemann, und im hinteren, durch eine dünne Wand abgetrennten Teil, hat die Modekette ein Lager eingerichtet, in dem die Ware für sämtliche Filialen in Norddeutschland lagert. Die Kleidung wird in Asien hergestellt, erfahre ich, die Schnitte werden allerdings bis ins letzte Detail von den Angestellten des Unternehmens in Deutschland festgelegt. Anschließend wird sie in großen Containern verschifft, maschinell gereinigt und mit Heißluft in Form gebracht.

Ich sehe mich ausführlich in dem Lager um. So nahe war ich Asien noch nie. Dann trete ich durch die Schwingtür zurück in die erste Wirklichkeit. Ich würde bei Sandra Lückemann vermutlich nichts kaufen, aber was sagt das schon. An einem Wintermantel hängt ein Preisschild, er kostet 29 Euro. Im Grunde genommen ist das nicht viel Geld.

KOLJA MENSING


ENERGIE – Mittwoch, 8. November 2006

Peter, der Astrologe, kommt mehrmals in der Woche ins Center und arbeitet im Café die Astrowoche durch. Manchmal kommt Hubert vorbei, ein alter Bekannter, mit dem er seit Jahren ein nicht enden wollendes Streitgespräch führt.

...
Du willst Macht über andere Menschen ausüben, Hubert. Du willst sie manipulieren.
Und du? Du glaubst doch auch an die Macht der Planeten.
Peter lacht höhnisch.
Planeten haben überhaupt keine Macht . Sie spiegeln nur die Macht wider, die wir über uns selbst haben.
Du hast mir vor ein paar Tagen diesen Zeitungsartikel über die Sonne gegeben...
Richtig. Wissenschaftler! Das sind Wissenschaftler, die diese Forschungen anstellen. Das müsste dich doch eigentlich überzeugt haben!
Sie schicken eine Sonde zur Sonne...
Nein. Nein. Nein. Das ist typisch für dich. Du liest nicht wirklich. Sie schicken eine Raumsonde
auf die andere Seite der Sonne.
Hubert sieht Peter irritiert an.
Ja, und?
Es geht um Energie.

Huberts Handy klingelt. Seine Frau ist am Apparat. Sein Tonfall ist leicht gereizt.
Was? Ich bin im Center. Ja, von mir aus. Es würde mich allerdings schon interessieren, warum das jetzt nichts wird... in Ordnung. Ja. Wenn du ihn siehst, sagst du ihm bitte, dass ich immer noch den Kasten Wasser im Auto habe. Was glaubt der denn, was mein Auto extra verbraucht mit dem Gewicht im Kofferraum? Ist gut. Bis später.
Hubert steckt das Handy in zurück in die schmale Herrenhandtasche.

Peter schüttelt den Kopf.
Du denkst immer nur an dein Geld.
Geld ist hilfreich.
Wobei denn?
Kleidung, Essen, ich lade dich schließlich zum Milchkaffee ein.
Brich Dir bloß keinen ab.
Ich habe gestern unten bei der Kirche einen Mann gesehen, der die Straße gefegt hat. Ich habe ihn gefragt, was er verdient. Was glaubst du, was er mir geantwortet hat? Das ist ein 1-Euro-Job. Aber er ist froh darüber. Er will arbeiten.
Ich arbeite auch.
Hubert hebt die Stimme.
Jetzt hör du einmal zu, Peter. Der Mann ist zufrieden.
Es geht um Veränderungen. Wenn du aus einem kleinen Boot in ein großes Schiff umsteigen musst, und das kleine Boot fängt an zu schaukeln, was machst du dann? Genau! Du bleibst in dem kleinen Boot.
Ich will bloß Wissen.
Ich will, ich will, immer nur, ich will...
Na, gut, ich
möchte mein Wissen erweitern.
Du willst deinen Verstand erweitern, nicht deinen Geist! Wann begreifst du das endlich?

Die Bedienung bringt Kaffee. Peter sieht ihr nach.
Doppelter Skorpion. Ein ganz schwerer Fall.

Er wendet sich wieder Hubert zu.
Kannst du dich erinnern, wie es war, als Horst und ich damals bei dir zu Hause gesessen haben und mir dir auf die Reise gegangen sind? Kannst du dich an die Energie erinnern, die plötzlich im Raum stand? Das war deine Energie. Wann willst du dich damit beschäftigen?
Ich muss mich gar nicht damit beschäftigen.
Natürlich musst du das. Dir bleibt sonst keine Zeit mehr.
Bangemachen gilt nicht. Ich kann sagen, ich habe erst 75 Prozent meines Lebens gelebt.
Darum geht es überhaupt nicht. Hast du den dritten Teil von „Matrix“ gesehen? Die ersten beiden Teile hättest du ohnehin nicht verstanden.
Ich habe keine Angst vor dem Tod.
Ach, wirklich?
Du hast doch selbst gesagt, dass wir nur von der dritten in die fünfte Dimension wechseln, wenn wir sterben.

Peter stöhnt.
Du hast es immer noch nicht begriffen.
...

KOLJA MENSING


LICHT – Donnerstag, 9. November 2006

Also für mich ist das nichts, sagt der Mann vom ADAC-Dienst, durchs Einkaufszentrum wackeln, mit Müttchen an der Flosse.... Neun Jahre hat er noch, dann geht er in Rente. Dann will er sich einen alten Porsche 911 besorgen, so Baujahr 87. Den will er dann schön sauber zerlegen und wieder aufbauen. Blecharbeiten machen und so.

Koljas Karre ruckelt, wenn er auf der Autobahn Gas gibt, und es fühlt sich so an, als würde gleich der Motor ausgehen. Hier auf dem Parkplatz vom Roland-Center läuft der Motor astrein. Der Mann vom ADAC hat Zeit, Geschichten zu erzählen:

Kürzlich hat einer angerufen, ein Opa, 35 Jahre Mitglied beim ADAC, aber noch nie eine Panne. Äh, also eigentlich ist das ja gar nichts, aber, hmmm, das beschäftigt mich jetzt schon seit drei Tagen... ich glaube, das Licht im Kofferraum geht nicht aus, wenn der Deckel zu ist. Könnten Sie nicht mal bei Gelegenheit vorbeikommen und das überprüfen?

Der Mann vom ADAC also hin zu dem Opa und rein in den Kofferraum. Deckel zu. Na? fragt der Opa durch den Kofferraumdeckel. Also, ich sehe nichts, sagt der ADAC-Mann, das Licht ist aus!

FLORIAN THALHOFER


FESTSTELLUNG – Freitag, 10. November 2006

Gestern haben wir es zum ersten Mal selbst gesehen. Eine ältere Dame in einem grünem Mantel verlässt das Geschäft und wird am Ausgang vom Hausdetektiv angesprochen. Er fragt sie etwas, sie schüttelt den Kopf, es kommt zu einem kurzen Wortwechsel, und schließlich führt der Detektiv sie in sein Büro. Feststellung nennt man das in der Sprache des Security

Später erfahren wir, was passiert ist. Die ältere Dame hat im Laden drei Mignon-Zellen aus einer Packung genommen und sie ohne zu bezahlen an der Kasse vorbeigetragen. Dem Hausdetektiv hat sie erklärt, dass sie die drei Batterien für die Fernbedienung ihres Fernsehers braucht. Acht Stück hätten 1,99 Euro gekostet. Der Detektiv erteilt ihr für ein Jahr Hausverbot, auf eine Anzeige wird in diesem Fall verzichtet.

Die Frau ist 85 Jahre alt und Rentnerin. Warum hat sie ausgerechnet Batterien gestohlen, fragen wir hinterher den Hausdetektiv. Er sagt, er habe bereits vor langer Zeit aufgehört hat, sich über solchen Fragen Gedanken zu machen.

Heute will er uns seine privaten Aufzeichnungen mitbringen. Zu Hause führt er penibel Buch über seine Aufgriffe und Feststellungen und den Wert der gesicherten Ware. In manchen Monaten, sagt er, kommt er auf mehr als 100.000 Euro.

KOLJA MENSING


LOST – Samstag, 11. November 2006

Schließlich durften wir doch noch im real filmen, allerdings erst nach 20 Uhr. Während die letzten Verkäuferinnen den Laden durch den Hinterausgang verlassen, sehe ich mich um. Es ist ein beunruhigendes Gefühl, in einem Supermarkt mit mehr als 30.000 verschiedenen Produkten zu stehen und nichts kaufen zu können.

Ziellos laufe ich durch die Gänge, mein Blick streift die Regale, ohne irgendwo hängen zu bleiben. Toastbrot, Schokolade, Joghurt, Aufschnitt, Müsli. DVDs, Sauerkonserven, Fleischwaren, Spirituosen. Die Unterschiede zwischen den Waren beginnen zu verschwinden, die Verpackungen beginnen im Neonlicht zu flimmern. Ein alter Mann steuert eine Reinigungsmaschine mit starrem Blick an den Tiefkühltruhen vorbei, Mäuse huschen über den Boden und verschwinden in den Zwischenräumen unter den Paletten. Es ist wie in einem Horrorfilm.

Als ich den Laden verlassen will, höre ich in der Spielzeugabteilung das leise Miauen einer Katze. Es handelt sich um ein Stofftier aus der Serie FurReal friends, ausgestattet mit mehreren Sensoren, einem digitalen Speicherchip und einem Lautsprecher.

Wenn man der Katze über den Kopf streicht, schnurrt sie.

KOLJA MENSING


HEIMAT – Sonntag, 12. November 2006

Da wo ich herkomme, war man immer schon ein wenig hinten dran. Ich komme aus Schwandorf, einer Kleinstadt in Bayern. Das Roland-Center war schon ein paar Jahre alt, als in Schwandorf die ersten Supermärkte aufgekommen sind. Das macht die kleinen Geschäftsleute kaputt, haben die Leute gesagt, und in der Tat gab es schon weniger Jahre später keine Tante-Emma-Läden mehr. Unser Bäcker, der früher auch Lebensmittel verkauft hat, war nur noch Bäcker. Die Leute sind in den Supermarkt zum Einkaufen gegangen, weil er billiger war. Der, in den meine Mutter mich geschickt hat, hieß Verbrauchermarkt, und sein Besitzer war reich. Er kam aus der Gegend und hatte noch zehn andere Verbrauchermärkte.

Dann kamen die Ketten. Zuerst Plus, später Tengelmann. Tengelmann war schön. Ein warmes Licht und die Waren so ordentlich. Doch das Geschrei war groß. Der Tengelmann hat sich nämlich nicht im Stadtzentrum angesiedelt, sondern in einem Vorort. Weil da die Mieten billiger waren, und es gab einen großen Parkplatz. Da hat man sich um die alten Leute Sorgen gemacht, weil die kein Auto haben. Bald schon wird man in der Stadt nichts mehr zum Essen kaufen können, hat man gesagt.

Fünf Jahre später kam Kaufland. Kaufland hat gleich im Gewerbegebiet aufgemacht, mit noch mehr Parkplätzen, und noch mehr Angebot. Dort gab es sogar Kleidung zu kaufen und Elektroartikel. Doch was würde aus der Innenstadt werden und was aus den kleinen Supermärkten? Und wieder wurden die alten Leute ins Feld geführt. Zum Tengelmann, da hätten sie ja noch mit dem Rad hinfahren können, aber ins Gewerbegebiet? Zu weit, und auch zu gefährlich, wegen der vielen Autos. Und noch mal fünf Jahre später gab es wieder Grund zur Besorgnis. Der Globus hat in Schwandorf gebaut. Direkt neben der Autobahn, eigentlich schon nicht mehr in Schwandorf, fast schon in Wackersdorf, dem nächsten Ort. Der Parkplatz noch größer, und ohne Auto kommt man da gar nicht mehr hin.
Und die Alten? Für die gibt es jetzt Essen auf Rädern.

FLORIAN THALHOFER


SELBSTMORD1 – Sonntag, 12. November 2006

Im Grunde genommen ist es ganz einfach. Wir verbringen vier Wochen und einen Tag in einem Einkaufscenter, wir sprechen mit Kunden und Angestellten, wir zeichnen Interviews auf und schreiben Tagebucheinträge, die wir auf einer Website veröffentlichen, und am Ende soll aus den Geschichten, die wir gesammelt haben, ein Film entstehen.

Das ist ein ziemlich fest gesteckter Rahmen. Trotzdem zerfallen manche Geschichten vor unseren Augen in einzelne Teile, die sich mehr zusammensetzen lassen können. Gestern habe ich zum Beispiel den ganzen Tag damit verbracht, das Interview mit Manuela zu schneiden. Manuela ist eine der Putzfrauen im Center, und eigentlich hatten wir sie getroffen, um uns von ihrem Flirt mit einem Kollegen berichten zu lassen. Liebe und Romantik kamen bisher etwas kurz. Manuela kann schön erzählen, und wir haben ihr gerne zugehört.

Dann hat sie uns noch in weniger als einer Stunde eine Kurzfassung ihrer Familiengeschichte gegeben. Schulden, Selbstmord1 und Selbstmord2, Alkohol, Missbrauch, und Heim sind die Titel der kurzen Clips, die jetzt auf meiner Festplatte liegen, in komprimierter Form natürlich, damit man sie sich über das Internet ansehen kann.

Irgendwie ist es schon auch Wahnsinn, was wir hier machen.

Ein Tag noch, dann ist es vorbei.

KOLJA MENSING


WIE MAN SICH DIE WELT ZURECHTLEGT – Montag, 13. November 2006

Ich habe dich verstanden. Ich kann in dir lesen wie in einem Buch. Ich habe dich durchschaut, das hat meine erste Freundin zu mir gesagt. Daraufhin habe ich sie verlassen. Da war ich 16. Ich wollte nicht durchschaut sein, und ich fand ihre Aussage anmaßend und ungerecht. Wie kann ein anderer Mensch mich durchschaut haben, wenn ich mich selbst nicht begreife?

Manchmal kam es mir in den Gängen des Einkaufszentrums vor, als wären wir Astronauten, die auf dem Mond herumlaufen und Steine in Beutel sammeln. Zurück in der Raumstation leeren wir die Beutel auf einen Tisch und untersuchen Stein für Stein. Die interessanten Steine ordnen wir in Gruppen, um sie mit zurück nach Hause zu nehmen. Die aussortierten lassen wir zurück. Die Steine, die wir gesammelt haben, sind die Geschichten der Menschen. Haben wir uns für die richtigen entschieden? Haben wir wichtige übersehen?

Wir haben viele Geschichten gehört. Mit Menschen gesprochen. Wir haben zugehört, wie sich die Leute ihre Geschichten zurechtlegen, sich selbst und ihr Leben erklären. Die einen können es besser, die anderen schlechter. Ehrlich ist dabei keiner. Doch was ist ehrlich? Manchmal habe ich gedacht, ich hätte unseren Interview-Partner verstanden oder durchschaut. Durch die Schale der Worte und Gesten den Menschen dahinter erblickt. Aber das ist Quatsch.

Man kann den Mond nicht begreifen, wenn man sich ein paar Steine anschaut. Aber ein paar Steine sind besser als nichts.

FLORIAN THALHOFER


KEIN WORT MEHR Montag, 13. November 2006

Letzter Tag, und wieder einmal ist längst nicht alles erzählt.

Ein paar Geschichten werden wir vermutlich unser Leben lang für uns behalten müssen. Die Sache mit dem Vaterschaftstest haben wir nur im Vertrauen erfahren, über den langen Kuss in einer der Umkleidekabinen dürfen wir genauso wenig reden wie über die Pistole, den Sohn und das Liebespaar, und dann ist da noch die dunkle Gestalt, die kurz vor Mitternacht auf dem Parkplatz des Centers vor dem Fenster unseres Wohnwagens auftauchte und der wir versprechen mussten, niemals ein Wort darüber zu verlieren, was in dieser Nacht geschehen ist.

Ehrenwort.

KOLJA MENSING





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